Epilog

21. Oktober 2021

Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war sehr stürmisch gewesen. Der Hund, aufgeschreckt  vom Heulen des Winds, weckte uns mehrmals vor Angst zitternd auf. Trotzdem war Heike, wie immer früh und diszipliniert aufgestanden und ins Stadtbüro gefahren.

Ich werde wach, weil sich in der Haustür leise der Schlüssel dreht. Kurz darauf surrt der Kaffeeautomat. Danach ist es einige Minuten still. Seltsam, denke ich, so früh zurück? Leise kommt sie ins Zimmer. An ihrem Gang erkenne ich, dass irgendwas anders ist. Nach 28 Jahren erkennt man selbst im Halbschlaf, wenn dem Partner die Schritte schwer fallen. Durch Sehschlitze verleugne ich das Wachsein. Eine gefühlte Ewigkeit lang blickt sie wortlos zu mir. Sie weiß, dass ich längst wach bin. Ich kann es beinahe schon körperlich spüren, dass sie schmerzliche Neuigkeiten hat und nach den richtigen Worten sucht.

„Er hat es geschafft“, sagt sie unvermittelt mit ruhiger, fester Stimme. Ich weiß sofort, was sie meint. Fast kindlich weigere ich mich, den Sinn ihrer Worte zu realisieren. „Ist was mit Papa?“, hoffe ich verzweifelt. Gestern hatten wir wie jeden Abend telefoniert, hatten uns wie immer voneinander verabschiedet, wie immer für eine Nacht – oder eine Ewigkeit: „Gute Nacht, mein Junge, ich bin müde und gehe jetzt schlafen. Schlaft auch ihr gut und bleibt alle gesund!“  „Gute Nacht, Papusch, schlaf gut durch, ohne Schmerzen. Träum was Schönes – vielleicht von Königsberg. Ich hab dich lieb!“ „Ich dich auch, mein Junge! Bis Morgen!“ Das war unser Ritual.  – – –

„Er ist anscheinend ganz friedlich hinübergegangen,“ sagt Heike, „denn er sieht wohl so aus, als schliefe er immer noch.“

Seltsam, ich fühle weder Trauer über meinen Verlust noch Erleichterung darüber, dass er letztlich den leichten Tod hatte, den er ihn sich gewünscht hatte. Im Reinen mit sich und den Seinen und in den eigenen vier Wänden. Endlich die Last des Alters abstreifen zu können und nicht mehr von der Hilfe anderer abhängig zu sein, so lieb sie es auch mit ihm meinten. Fast schon fühle ich erleichterte Dankbarkeit. Das heulende Elend erwischt mich erst Stunden später, als ich ganz in Gedanken die vertraute Nummer wählen will …

Mach’s gut, Papa! Gute Reise zu Deiner Lomse und grüß unsere Lieben von uns. Hab‘ Dank für alles! Deine Geschichte werde ich fortsetzen, wenn ich soweit bin.

Detlev Gottaut

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